© dido-ob / PIXELIO

Lang lebe die Bürokratie – Mit Geldkanonen auf Ausbildungsspatzen schießen

Knapp 10.000 jugendliche Bewerber fanden im September 2009 keinen Ausbildungsplatz, obwohl gleichzeitig über 17.000 solcher Stellen unbesetzt blieben.

Problem erkannt, Problem gebannt. Das Bildungsministerium hat schon die Lösung parat: Geld, viel Geld wird nun für Abhilfe sorgen. An den wirklichen Ursachen wird jedoch weder gedreht noch wird überhaupt hingeschaut. Symptombehandlung ist schließlich überall das beste Rezept für langfristigen Erfolg.

Bescheidenheit ist keine Tugend der Bürokratie unseres Landes, im Gegenteil. Pragmatische Ansätze scheinen nicht von Interesse und grundsätzlich können nur teure Lösungen auch gute Lösungen sein. Selbstverständlich gilt die Ergänzung: Je teurer, desto besser.

Weil die Beschwerden über die mangelnde Ausbildungsreife von Hauptschülern neuerlich für Aufsehen sorgten, will nun Bildungsministerin Annette Schavan das Problem lösen. D.h. eigentlich geht es nicht um eine Lösung, sondern um Aktionismus. Die Süddeutsche schrieb dazu am 28.04.2010:

Unpünktlich, disziplinlos, dumm: Die Beschwerden von Unternehmen über die mangelnde Reife ihrer Azubis erregten Aufsehen. Jetzt will die Regierung reagieren – und hofft auf tatkräftige Unterstützung.

Wie wäre es denn, wenn man es einfach so macht, wie es vor 20 Jahren noch üblich war? Man fördert und befähigt die jungen Menschen, eigenständige Persönlichkeiten zu werden, die selbst etwas in die Hand nehmen können, die Ziele und Perspektiven haben, anstatt sie zu reinen Befehlsempfängern und Lemmingen heranzuzüchten und sich hinterher über das unsägliche und unbrauchbare Niveau zu beschweren.

Natürlich könnte man so „einfallslos“ vorgehen und schlicht die Ursachen beseitigen, aber damit ist der riesige Beamten- und Bürokratieapparat weder ausgelastet noch weiterhin zu rechtfertigen. Es bedarf daher großer und teurer Pläne statt einfacher Rezepte. Da unser „Bildungssystem“ die größte Milchkuh für die inzwischen unzähligen grün-gutmenschlichen Sozialpädagogen darstellt, darf hier gar nicht grundsätzlich reformiert werden. Zumindest nicht derart, dass irgendeiner dieser studierten Pseudo-Psychologen seine scheinbare Existenzberechtigung verliert.

Schavan wird mit ihrer Aktion zumindest eine ganze Anzahl dieser – in manchen Augen überflüssigen – Akademiker mit Abschluss in Sozialpädagogik im Lehrapparat unterbringen, denn sie will laut Süddeutsche

mit dem Einsatz von 3200 Sozialarbeitern vorzeitige Hauptschulabbrüche eindämmen und lernschwache Jugendliche in eine Lehre vermitteln.

Weil Ursachenbeseitigung wenig hilfreich dabei ist, wenn es lediglich darum geht, bestehende Bürokratieprozesse zu rechtfertigen und auszubauen, werden die Ursachen auch gar nicht betrachtet. In der Wirtschaft funktioniert diese wichtige Steuerungsmaßnahme dagegen von selbst. Kein Unternehmer wäre langfristig überlebensfähig, wenn er sich nicht ständig um sein Geschäft, seine Kernkompetenzen, im Firmenalltag auftretende Schwierigkeiten und die zugehörige effektive Beseitigung selbiger kümmern würde.

Auch im Privaten verändern die meisten Menschen ihre Lebensbedingungen automatisch in Richtung einer Ursachenbehebung anstatt der reinen Symptombekämpfung. Oder würden Sie in Ihrer Wohnung eine zerborstene Fensterscheibe nicht einfach ersetzen, anstatt die Heizung höherzudrehen?

Wären Sie ein Staatsbeamter würden Sie natürlich sofort ein höheres Heizkostenbudget beantragen und auch erhalten. Würde die höhere Heizleistung trotzdem nicht ausreichen, würden Sie über kurz oder lang einen „Experten“ ins Boot holen. Nein, keinen Glaser, sondern einen Fachmann für Zusatzheizungen. Das Ergebnis wären weitere immense Kosten für eine neue, wesentlich leistungsfähigere Heizungsanlage. Man kann dieses Vorgehen Irrsinn nennen oder auch staatliche Bürokratie.

In einer KFZ-Werkstatt würde dieses Beispiel so aussehen: Immer mehr Kunden beschweren sich bei der Geschäftsführung über schlechte Mängelbeseitigung, verdreckte Fahrersitze nach dem Werkstattbesuch und unfreundliches Personal. Die bürokratische und rein symptomatische – also die staatliche – Lösung wäre, hochbezahlte Ingenieure für die Fehlerfindung, eine zusätzliche Endreinigung für den Innenraum und Hostessen für den Kundenkontakt einzustellen und einzurichten.

Das Ergebnis wäre sicherlich in einigen Punkten besser, aber die Rechnung dafür etwa fünf mal so hoch. Im Normalfall wäre dieses Unternehmen nach einer Woche pleite. Nicht so bei unserem Staat. Geld spielt keine Rolle, Hauptsache das Ergebnis stimmt irgendwie. Ursachen für Probleme zu finden interessiert niemanden und seinen sicheren, gut bezahlten Beamtenposten will selbstverständlich auch niemand verlieren. Also kümmert es auch niemanden, dass die Bürokratie wächst und wächst.

Diesen Weg geht nun eben Annette Schavan. Sie erfand kurzerhand die „Bildungslotsen“. Die Kosten: 1.510 Millionen Euro bis 2018, wie man aus dem Bericht des Focus vom 28.04.2010 entnehmen kann:

Diese Bildungslotsen mit pädagogischer Qualifikation werden zu einem Drittel ehrenamtlich arbeiten. Ein Drittel der Finanzierung kommt von der Bundesanstalt für Arbeit, ein Drittel aus dem Bundeshaushalt. Dort sind für das Programm bis 2018 insgesamt 755 Millionen Euro vorgesehen.

Das sind fast 190 Millionen Euro pro Jahr für ein paar zusätzliche Hanseln in den Schulen. Anstatt die Verursachung zu ergründen und diese zu beheben, wird hier die große Geld-Gießkanne ausgepackt und weitere Gutmenschen in dieses unsägliche „Verbildungssystem“ reingepackt. Wer bezahlt diesen Unsinn? Sie, der Bürger natürlich. Aber vermutlich nicht mehr lange, denn die Tage des Euro scheinen inzwischen gezählt zu sein.

Lösen diese wahnsinnigen Summen das Problem jetzt ursächlich? Vielleicht sollten sich die Verantwortlichen einmal anschauen, warum die Lage überhaupt so desolat ist, warum so viele Schulabgänger heute katastrophal schlecht dastehen und die Unternehmen die Konsequenzen tragen müssen, wollen diese nicht gänzlich ohne Auszubildende dastehen.

Warum waren denn vor 20 oder 30 Jahren noch die allermeisten Jugendlichen und jungen Erwachsenen am Ende ihrer Schullaufbahn direkt vermittelbar? Welchen Rückschluss muss ein normal intelligenter Minister aus dieser Entwicklung ziehen? Warum können die heutigen Auszubildenden nicht während ihrer ganz normalen Schullaufbahn schon so auf Vordermann gebracht werden, dass sie problemlos einen Ausbildungsplatz erhalten?

Wenn dies früher gelang und das dazu noch mit wesentlich weniger Kapitaleinsatz, sollte man sich dann nicht anschauen, welche Bedingungen damals an den Schulen und im Bildungssystem herrschten?

Die Schulzeitdauer hat sich nicht verändert, was also ist dann die Ursache? Müssen da tausende von irgendwelchen „Bildungslotsen“ eingestellt werden, um die zur Verantwortungslosigkeit herangezüchteten Jugendlichen im letzten Moment noch irgendwie anzuschieben? Das schafften die früheren Lehrer offenbar noch selbst. Entweder sind die Pädagogen heute so große Pfeifen geworden – sie kommen ja selbst aus diesem „Bildungssystem“ – oder der Nachwuchs dieses Landes taugt wirklich zu nichts mehr. Allerdings werden Kinder nicht einfach von selbst „so“, sie sind daran nicht schuld.

Was auch immer die Ursache ist, es gilt, genau diese herauszufinden, bevor man die große Gießkanne auspackt und symptomatisch die Probleme mit Geld zu ertränken versucht. Andererseits kommt die Vermutung auf, dass niemand an der Beseitigung der Ursachen ein Interesse zu haben scheint.

Doch vermutlich lösen sich viele der Probleme schon in naher Zukunft von ganz alleine. Schauen Sie in unsere EU-Nachbarschaft. Was sich in Griechenland – bald auch in Portugal, Spanien, Italien usw. – abspielen wird, erreicht auch kurz danach die BRD. Es kommt der Moment, in dem tatsächlich kein Geld mehr da sein wird. Mal sehen, ob es dann nicht doch wieder zu pragmatischen und kostengünstigen Lösungen im ganzen Lande kommen wird – kommen muss?

Andererseits, dieses dekadente, kaputte System insgesamt wird nahezu bedeutungslos werden, bekommen wir es mit einer Krise ungeahnter Dimension zu tun. Auch das ist denkbar. Dennoch, falls zunächst nur unsere westliche Bürokratie zusammenbrechen sollte, wäre schon das ein sehr heilsamer Prozess für viele Menschen und eine Chance, aus dem Dauerdelirium aufzuwachen. Schmerzen können durchaus heilsam sein.

17 Kommentare zu “Lang lebe die Bürokratie – Mit Geldkanonen auf Ausbildungsspatzen schießen

  1. Weiss der Herold Graf auch von etwas Anderem als von seiner daehmlichen Religion. Wenn mir jemand fragen wuerde was er damit tun kann, wuerde ich sagen, die Religion kann er sich in den Annus schieben.

  2. Hallo,
    die Respektlosigkeit fängt schon zu Hause an und geht in der Schule und am Arbeitsplatz weiter. Ich hatte Hauptschulabschluss – das ist wie heute Realabschluss – die Schüler von Heute können nicht richtig das ABC und von Kopfrechnen ganz zu schweigen. Wir durften damals weder Taschenrechner noch sonst irgendetwas benutzen. Wenn wir keine Hausaufgaben gemacht hatten, gab es Nachsitzen od. Strafarbeit. Das gibt es heute ja nicht mehr- das ist Freiheitsberaubung. Die Lehrer haben keine Rechte mehr – wenn ein Schüler schlechte Noten hat und steht auf der Kippe- rennen gleich die Eltern in die Schule um das Arme Kind vor dem bösem Lehrer zu schützen. Wenn wir Respektlos zum Lehrer waren und die Eltern wurden benachrichtigt – gab es Hausarrest und ein paar hinter die Ohren, aber wir waren erzogen und belastbar- weil wir auch nicht alle Schwierigkeiten aus dem Weg geräumt bekamen. Ich habe viele Klassenkameraden die sich auch mit Hauptschulabschluss selbständig gemacht haben.

  3. He Otto, las jeden seine Sicht der Dinge und Überzeugungen. Respekt und Anstand ist die halbe Miete…..

  4. Marina, wie soll ein Schüler von einem Leher Respekt haben der zuschlägt? Respekt kann man mit Gewalt nicht erzwingen…..

  5. Also erst einmal muss ich sagen, dass der Artikel doch etwas sehr subjektiv gefärbt zu sein scheint. Im Kern der Aussagen (also einfach nur auf den reinen Inhalt heruntergebrochen) stimme ich dem ein oder anderen im Grund schon zu: Ursachen beseitigen wäre angebracht! Die jungen Menschen am Beginn ihrer Entwicklung an die Hand nehmen und ihnen aufzeigen, wie man eigenständig und -verantwortlich sein Leben meistern kann und auch meistert. Stattdessen wird gegängelt und abgestraft, aber auf der anderen Seite darf man den Jugendlichen ja auch ja nichts vorschreiben. Nun, so kann man allerdings nicht zu einer Lösung kommen… traurige Sache eigentlich…

  6. Viel mit den Kindern reden – von klein auf, auch wenn es diese nervt – ihnen konsequent vorleben was man selbst für richtig + wichtig erachtet, immer wieder die Konsequenzen für ihr Handeln aufzeigen und viel viel Geduld und Verständnis aufbringen. Immer auch daran denken, wie man sich selbst als Kind in den Situationen gefühlt hat und klar machen „Behandel den Anderen, so wie du selbst behandelt werden möchtest, sonst brauchst du dich nicht wundern oder beschweren, wenn er dich so behandelt wie du es mit ihm tust, es für dich selbst jedoch nicht willst“ – Also einfach „Was du nicht willst was man dir tut, das füg auch keinem Anderen zu.“ Das Vorleben betrifft nicht nur die eigenen Kinder, sondern alle, denn gerade Kinder lernen sehr viel aus Beobachtungen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.