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Der Bundesadler bekommt neue Flügel – reichen sie bis zum Mond?

Am 31.03.2010 nahm das Bundesverteidigungsministerium das erste von insgesamt acht neuen Flugzeugen für die Regierung in Berlin in Empfang. Unsere Volksvertreter gehen mit gutem Beispiel voran und geben viel Geld aus, um die Wirtschaft in Schwung zu bringen.

Viel nützen wird das dem sogenannten Aufschwung zwar nicht, aber immerhin steigert dies das Gefühl der Minister und der Kanzlerin, endlich auch in der Luft wieder standesgemäß unterwegs zu sein. Natürlich betont man die Notwendigkeit dieser Investition, denn wie soll man sonst trotz geplanter Hartz4-Kürzungen und Griechenland-Sponsoring noch glaubwürdig bleiben?

Andererseits, seit wann trägt sich unsere „Regierung“ denn mit dem Anliegen, glaubwürdig zu sein? Eben. Dennoch bemühte man sich in Berlin ganz offensichtlich, diese riesige Investition mit diversen Pannengeschichten zu rechtfertigen. Die tagesschau schrieb dazu am 31.03.2010:

Tankstop in Astana, der Hauptstadt Kasachstans. Der ist notwendig, weil die Reichweite des Airbus A 310, den die Bundeswehr seinerzeit von der DDR-Fluggesellschaft Interflug übernommen hat, nicht bis nach China oder Vietnam reicht.

[…]

Frank-Walter Steinmeier kann davon aus seiner Zeit als Außenminister ein Lied singen: „Manchmal mit einer offenen Tür auf dem Weg nach Wien, einmal haben wir, auf dem Weg nach Damaskus, in Amman auf dem Flugplatz gestanden, als ein Brand im Frachtraum gemeldet wurde“, erinnert sich Steinmeier.

Was hat ein Brand im Laderaum mit dem Alter der Maschine zu tun? Und „manchmal“ eine offene Tür ist genau einmal passiert. Noch etwas mehr solcher Gründe gefällig? Dazu lieferte die Financial Times Deutschland am 31.03.2010 diesen Knaller:

Bei dem Beschluss mag auch eine Rolle gespielt haben, dass Ex-Außenminister Fischer den Modernisierungsbedarf ein wenig emotionaler formuliert hatte: „Was muss eigentlich noch passieren, ehe die Flugbereitschaft neue Maschinen bekommt? Muss ich erst im Sarg im Weltsaal des Auswärtigen Amtes aufgebahrt werden?“

Aber nicht nur der Druck auf die Tränendrüse soll uns gnädig stimmen, die Dekadenz kennt bekanntlich auch keine Grenzen. Die Financial Times nannte außerdem diesen Kommentar:

Mitreisende Manager wie Ex-Siemens-Chef Heinrich von Pierer konnten sich laut darüber aufregen, dass die Repräsentanten eines der reichsten Länder der Welt (und sie selbst) in „alten Honecker-Maschinen“ durch die Welt reisen müssen […].

Es ist eine typische Manager-Krankheit, sich selbst immer nur das Beste vom Besten gönnen zu müssen. Nur wenige Wirtschaftsbosse können sich gegen diese Seuche wehren, die meisten werden früher oder später von diesem Dekadenz-„Virus“ befallen.

Was wird uns – also uns Bürger – denn dieser Spaß eigentlich kosten? Von 615 Millionen Euro für alle acht Flieger ist die Rede, die tagesschau spricht gar von knapp einer Milliarde, die im Haushaltsausschuss 2008 beschlossen wurde. In Anbetracht der höchsten Neuverschuldung in der Geschichte der BRD von sage und schreibe 80 Milliarden Euro muss man sich wirklich die Augen reiben. Fast ein Prozent der Neuverschuldung dieses Landes wird allein nur für neue Flugzeuge seiner Regierung ausgegeben?

Auf der anderen Seite muss man der Regierung zugestehen, dass diese Idee so dumm gar nicht ist, denn unser Geld wird vermutlich bald völlig entwertet sein und die Schulden können sowieso niemals zurückbezahlt werden.

Dennoch, es geht ums Prinzip. Kann es angehen, dass eine Gruppe von nur wenigen Menschen, die sich „Regierung“ von über 80 Millionen Menschen nennt, ständig seinem Volk Wasser predigt und selbst nur Wein trinkt? Warum muss ein so horrender Betrag in neue Flugzeuge investiert werden, wo sich unsere großen Probleme doch alle innerhalb der BRD-Grenzen befinden?

Diese Damen und Herren in Berlin mögen doch einfach mal zu Hause bleiben und ihrer hochbezahlten Arbeit nachgehen, wir haben hier bei uns nämlich genug zu erledigen, anstatt in der Weltgeschichte herumzujetten. Und der neue „Befehl“ aus New York oder Washington kann schließlich auch per Fax reinflattern.

Wenn wir uns ein paar weitere Details dieser Angelegenheit betrachten, wird das Kopfschütteln noch größer. Der neue Airbus wird in Köln-Wahn stationiert sein, wo auch bisher schon die Flugbereitschaft der Regierung auf ihre Einsätze wartete. Erst 2011 soll der Flughafen BBI – Airport Berlin Brandenburg International – für die Stationierung der Flugbereitschaft nutzbar sein.

Solange wird pro Regierungseinsatz ein Leerflug von Köln-Wahn nach Tegel und nach der Rückkehr wieder zurück nach Köln-Wahn in Kauf genommen – bei jedem Flugeinsatz also ca. 1.000 km extra Flugstrecke. Aber wir haben es ja. Noch.

Im Spiegel wurde am 31.03.2010 außerdem von sinnloser Geheimniskrämerei berichtet:

Die Privatgemächer der VIPs befinden sich hinter einer schmalen Schiebetür. Für die Öffentlichkeit gilt: Betreten verboten, auch für die kleine Journalistenschar, die an diesem Mittwoch den ersten Flug mit dem nagelneuen Regierungs-Airbus, Kennung 98-46, antreten darf. Das künftige Arbeits- und Schlafzimmer, das Bad von Bundespräsident, Kanzlerin und Ministern sind vorerst Tabu.

Die übliche Ausrede, irgendwelche Sicherheitsbedenken. Diese neue Maschine verfügt sogar über militärische Schutzmechanismen, wie der Spiegel fortsetzt:

Was der knapp 34 Meter lange, weißlackierte Flieger mit der schwarz-rot-goldenen Banderole gegen terroristische Gefahren aufbietet, darüber schweigt das Verteidigungsministerium im Detail lieber. Zum Selbstschutz gehört aber ein Freund-Feind-Erkennungssystem, auch über ein hochmodernes Raketenabwehrsystem wird geraunt.

Nun, was braucht dieses Regierungsflugzeug schon mehr als abschließbare Türen zum Schutz vor Terroristen? Ist doch ganz einfach: Regierung rein, Türen abschließen und schon ist die Bevölkerung vor den Terroristen sicher.

Ganz im ernst. Gab es jemals einen Anschlag auf BRD-Regierungsmaschinen? Wie sollen Abwehrmechanismen gegen ein Phantom irgendeinen Sinn ergeben? Es ist nur Wichtigtuerei, wahrscheinlich machen es andere Regierungschefs genauso. Wie im Kindergarten.

Die Maschine ist laut Spiegel zudem behindertengerecht ausgestattet – ist das als Drohung aufzufassen? Wie lange hat Dr. Wachsam denn noch vor, dem Volk zu dienen? Nicht dass ich damit sagen wollte, dass er uns je gedient hätte, das war nur eine rhetorische Floskel.

Auch wenn im Ernstfall mit diesem Airbus A319 CJ sogar der Transport von Verletzten und Kranken möglich sein soll – letztere sind ja im Grunde fast immer an Board, wenn man psychische Erkrankungen wie Macht- und Geltungsbedürfnis mit einbezieht – es ist und bleibt eine unnötige Ausgabe. Man könnte es als dekadente Abwrackerei bezeichnen.

Die höhere Reichweite des neuen Fliegers soll der Regierung am Tag X wahrscheinlich vor allem die Flucht vor dem Volkszorn sichern. Dabei hätten wir, das Volk, sogar gerne noch etwas tiefer in die Tasche gegriffen und die Reichweite des Bundesvogels großzügig um Faktor 50 erhöht.

Mit so einer Investition wäre nämlich eine – dieses Mal echte – Mondlandung möglich gewesen. Für den Hinflug hätte es zumindest gereicht – den Rückflug sparen wir uns natürlich.

9 Kommentare zu “Der Bundesadler bekommt neue Flügel – reichen sie bis zum Mond?

  1. Eigentlich ist es Einerlei, wie man das Geld unters Volk bringt.

    Solangen Niemand auf die Idee kommt zu sparren, funktioniert das System.

    Die Flugzeuge wurden irgendwo gebaut, die Milliarde ist schlussendlich als Lohn und Gewinn irgedwohin geflossen. Von dem Lohn und gewinn werden alle möglichen Steuern bezahlt und der Rest in der Regel verkonsumiert. Davon profitiren wiederum irgendwelche Hersteller von Schuhen, Brötchen etz.
    Dasgeneriert wiederum Gewinn und Lohn…usw, usw, bis irgendwann ach der letzte Cent in der Steuerkasse gelandet ist.

    man könnte das Geld auch direkt an Bedürftige ausschütten, mit dem Nachteil, das mindestens 3 Stuffen der Lohngenerierung übersprungen werden.

    Jeder Euro wird mehrmals ausgegeben und versteuert.

    Auch die Millionen Bonus, die sich gewisse managerfutzis auszahlen, landen irgendwann im Kreislauf, halt nicht als direkte Gewinnsteuer, sondern auf umwegen über diverse Lohn und Konsumsteuern.

  2. im Prinzip ist das eine Feinverteilung von Staatsgeldern.

    Nicht das ich das diesen Bluttsaugern gönne, aber das derzeitige System läuft halt so.

    das Gilt für Flugzeuge, Strassenbau, Sozialwohnungen, ÖV und alles alles andere.

    Das einzig schlimme ist, wenn die Leute das Geld nicht wieder in den Verkehr bringen, sondern aus irgendwelchen irrealen Gründen auf der Bank oder unterm Kissen horten.

    Denn nur geparktes Geld ist schädliches Geld.

    Wenn sich jemand was fürs Geld kauft, sei es auch nur Gold, um es zu vergraben, trägt er das Tauschmittel wieder auf den Markt.

    es ist wie mit dem Wasser, wenn ich eine Pflanze giesse, „Verbrauche“ ich Wasser. In der Tat wird das Wasser aber nicht weniger oder mehr, es ändert lediglich Qualität und Lage, irgendann landet es aber doch im Meer, verdunstet und kommt irgendwann als regen irgendwo runter.

    Viel schlimmer ist, wenn ich das Wasser, aus Angst, es könnte irgendwann mal nicht regnen in behältern Sammle, und nie giesse !

  3. dann verdorrt meine Pflanze, mein wasser wird schlecht und es kommt im meer weniger an und verdunstet folglich nicht mehr in dem Ausmass.

    irgendwann, wenn alle ihr wasser in Vorratsbecken eingesperrt haben, ibt es nicht, was verdunsten kann, und es hörrt in der tat auf zu regnen !

  4. Zitat:

    „Bauern, Metzger und Schreiner sind wichtig; Organisten und Gaukler und Schlagersänger auch, der Mensch braucht schließlich Unterhaltung.
    Aber was sollen wir mit Politikern?

    Brauchen wir die damit sie mit anderen Politikern verhandeln können?
    Das heißt, ihre Existenz ist ihre Existenzberechtigung.

    Zu mehr hat’s bei ihnen nicht gereicht, früher wären sie Wegelagerer geworden.

  5. in einem Hochinsustrieland sollte es selbstverständlich sein, daß die Regierung – als Statthalter des Volkes – mit den modernsten Verkehrsmitteln auftritt, die das eigene Land produziert.
    Das sollte der STolz des Volkes ebenso verlangen wie das Selbstverständnis seiner Vertreter.

    Das ist da nicht nur Werbung für die Firma, sondern auch für das Volk und Land. Vorausgesetzt allerdings, die Firma ist landeseigen, und nicht in fremder Hand.

    In dieser Bananenrepublik allerdings haben die „Volksvertreter“ dieses nicht verdient – wie so vieles andere auch nicht!
    mfg zdago

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